Erfolgreich reorganisieren: Im Kuhstall wird auch nicht Blinddarm operiert

Gepostet von am 14.  März 2014, in Organisationsdesign | 2 Kommentare

iStock_KuhstallManchmal staune ich wirklich, was man bei einem Mittagessen unfreiwillig alles vom Nachbartisch erfahren kann. Z. B. die Beweggründe und möglichen Varianten einer Reorganisation der Führungsstruktur einer Unternehmung. Vor ein paar Tagen kam ich wieder einmal in den Genuss. Vier Gründe, warum das ist, als würde man im Kuhstall einen Blinddarm operieren.

Erstens: Der unpassende Ort

Würden Sie sich wohl fühlen, wenn Ihnen Ihr Arzt sagen würde, dass Sie im Kuhstall operiert werden, weil das für die beteiligten Ärzte praktischer ist? Ich auch nicht.

Nun, ich warte im Restaurant auf meine Verabredung und höre vom Nachbarstisch laut und deutlich, ungefragt und ohne die Ohren zu spitzen, dass Frau Meier für diese Position in der Geschäftsleitung nun doch wirklich besser geeignet sei als Herr Müller und daher die Organisationseinheiten verschoben werden müssten. Allerdings sei, wenn man Herr Müller mit Herr Schneider verstärken und ein paar Funktionen anders definieren würde, dann doch noch diese andere Organisationsvariante denkbar. Der eine der beiden Sprechenden hat dabei einen Griffel in der Hand und zeichnet auf das Tischpapier. Praktisch.

Wie war das schon wieder mit der Vertraulichkeit? Und wie war das mit dem Respekt gegenüber den Mitarbeitenden/ Betroffenen? Obige Namen sind verändert, der Firmenname nicht genannt, aber beides habe ich völlig ungewollt mitbekommen. Die Firma ist nicht unbekannt.

Ein unpassender Ort: In einem Restaurant wird doch nicht die Neuorganisation einer Unternehmung verhandelt!

Im Übrigen: Es braucht nicht der Mittagstisch zu sein. Wer viel mit dem Zug auf der Strecke Zürich – Genf – Zürich fährt, hat sicher viele solche Stories zu erzählen. Nicht nur über Reorganisationen.

 

Zweitens: Der fehlende oder falsche Einbezug wesentlicher Personen

Würde es Sie beruhigen zu erfahren, dass Ihre Operation im Kuhstall für heute ohne Narkosearzt durchgeführt wird, weil Kuhdung auch eine leicht benebelnde Wirkung hat? Mich auch nicht.

Mir schien, dass ich hier vom Gespräch her zwei Verwaltungsräte neben mir sitzen hatte. Wunderbar, sie nehmen ganz offensichtlich ihre Verantwortung bzgl. einer ihrer unübertragbaren und unentziehbaren Aufgaben gemäss Art. 716 OR war, die da ist: „Der Verwaltungsrat legt die Organisation der Gesellschaft fest“. Es wäre vermessen zu behaupten, dass ich vom Aufgeschnappten den ganzen Kontext erfasst hätte. Aber deutlich war: Es wurden zu zweit Varianten diskutiert und am Ende stand ein Entscheid.

Wie war das schon wieder mit dem Einbezug von wesentlichen Meinungsträgern bzw. Anspruchsgruppen? Ich erwähne das Thema Akzeptanz von Lösungen oder das Stichwort „Bombenwurf-Strategie“. Ich erwähne den Begriff der umsichtigen Entscheidungsfindung. Selbstverständlich, bei einem neuen Organisationsrahmen gehören nicht alle Mitarbeitenden einbezogen. Doch wie gesagt: Die Firma ist nicht unbekannt, hat eine gewisse Grösse und aus meiner Sicht auch eine gewisse Komplexität.

Der fehlende oder falsche Einbezug wesentlicher Personen: Im reduzierten Kreise der anwesenden Personen ist es kaum gegeben, dass die zum Wohle der Gesellschaft nötigen Meinungen vertreten waren. Wurde hier nicht eher politischen Interessen und Machtansprüche zum Durchbruch verholfen?

 

Drittens: Das unbeholfene Vorgehen

Wären Sie voller Vertrauen, wenn Sie wüssten, dass die Sie im Kuhstall ohne Narkosearzt operierenden Chirurgen zwar wissen, wie das Zunähen geht, aber für das Aufschneiden nicht wirklich einen Plan im Sack haben? Ich auch nicht.

Da wurde also munter von Frau Müller und den Herren Meier und Schneider gesprochen, zu ihnen passende Funktionsbündel diskutiert, ihre Zuordnungen im Organigramm und Fähigkeiten verhandelt, Rahmenstrukturen gezeichnet und personelle Konstellationen verhandelt. Am liebsten hätte ich an den Tisch hinübergefragt: „Haben Sie eigentlich auch eine Strategie oder nur Führungspersonen?“.

Wie war das schon wieder mit organisieren ad rem und ad personam? Stimmt, in der Realität sind die Führungspersonen und ihre Fähigkeiten in den meisten Fällen gegeben. Und das ist in der Regel auch nicht schlecht oder schlimm, aber oft bei Besetzungen eine Herausforderung. Aber Bitte: Denken wir doch zuerst an die Unternehmensziele und –strategien, danach (optimal: parallel dazu) an den dazu passenden Organisationsrahmen, dann an das Organigramm und erst anschliessend an die Personen für die definierten Funktionen. Die nicht vermeidbaren Kompromisse kommen früh genug.

Ein unbeholfenes Vorgehen: Aus meiner Sicht haben sich die beiden wirklich in der Wahl und der Abfolge der Schritte zu einer leistungsfähigen Organisation geirrt!

 

Viertens: Die fehlenden Instrumente

Würden Sie sich sicher fühlen, wenn Sie wüssten, dass bei Ihrer Operation im Kuhstall ohne Narkosearzt mit fehlenden Plänen fürs Aufschneiden auch noch die Hälfte des Operationsgeschirrs fehlen würde? Ich auch nicht.

Ein richtiges qualitatives Gespräch der beiden Herren, das mir da an die Ohren gedrungen ist. Es sind Personen, zu ihnen passende Funktionen, Fähigkeiten und mögliche Konfigurationen verhandelt worden. Der Verstand war dabei, ein Griffel und das Tischpapier als Dokumentationsfläche. Und es wurde die für die beiden Herren beste Lösung identifiziert. Was genau waren nun aber die Kriterien für diesen Entscheid?

Sicher gab es eine (längere) Vorgeschichte und einen Abspann zu dieser von mir beobachteten Episode. Trotzdem: Jede Auswahl bedarf klarer und transparenter Bewertungsmassstäbe (vgl. hier den Blogbeitrag „Die Krux mit Bewertungen“). Ist dieses wichtige Instrument nicht vorhanden, ist nicht nur eine ungenügende Nachvollziehbarkeit und Transparenz im Entscheid die Folge, sondern es besteht auch die grosse Gefahr, dass Lösungen gewählt werden, die nicht optimal sind, weil für die Unternehmung wesentliche Aspekte nicht beurteilt werden.

Die fehlenden Instrumente: Hier wurden wichtige und für eine gute Lösungsfindung zentrale Instrumente beim Organisationsdesign nicht genutzt. Ob sich die beiden Herren sicher sind, dass der neue Organisationsrahmen wirklich optimal für die Unternehmung ist?

 

Note ungenügend

Ich bin überhaupt nicht der Meinung, dass bei einer Reorganisation ein Schulbuchvorgehen „au pied de la lettre“ umzusetzen wäre. Die Realität verlangt immer Anpassungen, Kreativität und v. a. pragmatische Lösungsansätze, sowohl für den Prozess als auch die Inhalte. Aber bitte, ein bisschen mehr Professionalität darf es denn schon sein! Meine Note für die Herren, ganz ungefragt: Durchgefallen, ungenügend. Bitte gehen Sie doch nochmals über die Bücher.

PS: Niemand ist fehlerfrei. Zumindest wegen dem ersten genannten Grund, dem unpassenden Ort, sollten wir uns alle zwischendurch an der Nase nehmen. Ich auch.

 

2 Comments

  1. Stefan Studer
    14. März 2014

    Hey, der Beitrag rockt! Absolut träf, toll illustriert (Kuhstall) und wie immer fundiert. Muss ich grad weiterempfehlen, den Artikel! Merci

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  2. Erich Wiesendanger
    26. März 2014

    Die irrwitzigsten Geschichten bringt das wahre Leben hervor… Danke für den launischen Beitrag. Spontan fällt mir dazu ein:
    Wo wird Politik gemacht? In der Wandelhalle und in Restaurants (Nacht der langen Messer…). Zu Restaurants fällt mir ein und auf: Warum müssen sich gewisse Leute ausgerechnet in Musikbars treffen, um sich dann stundenlang anzuschreien (falscher Ort, falscher Zeitpunkt), womit wir bei den Zugreisenden wären. Mich persönlich stört es, wenn ich „öffentlich“ zum Geschäft und meiner Arbeit befragt werde. Bei einigen besteht die Gefahr, dass sie Opfer eines Dammbruchs werden und auch im Zug „Dampf ablassen“.
    Und Vetternwirtschaft gibt es überall, in jeder Organisation und Institution, was die Quote rationalen Handelns wohl drückt. Und wird trotzdem einmal rational gehandelt, wird man durch falsche Erwartungen an der Börse gestraft…
    Fazit: Man übe sich vor allem auch in der Kunst der Schadensbegrenzung, weil es die wohl öfters braucht.

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